Vor 85 Jahren
Der Mord an
Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg
Wiederveröffentlichung eines Artikels der KPD/ML aus: „<Roter Morgen> Nr. 3, vom 19. Januar 1979


Der Meuchelmord an Karl und Rosa war Bestandteil des blutigen Feldzugs, den die deutsche Bourgeoisie in den Januartagen gegen die revolutionäre Arbeiterklasse führte. Mit Macht wollte sie in diesen Tagen die endgültige Entscheidung in dem Kampf herbeiführen, der seit dem November zwischen den revolutionären Massen und der Konterrevolution tobte. Mehrere Versuche, die revolutionären Arbeiter und Soldaten niederzuschlagen, ihre Machtpositionen in den Räten zu vernichten, waren schon gescheitert (siehe auch RM 44, 45,51/1978). Jetzt wurde planmäßig der entscheidende Schlag vorbereitet.
Anfang Januar traten die Spitzen des Monopolkapitals zu einer vertraulichen Sitzung zusammen. Hugo Stinnes war darunter, Carl Friedrich von Siemens, Ernst Borsig, Albert Vögler und andere. Es sind die Namen der Blutsauger, die das deutsche Volk in ihren mörderischen Raubkrieg gehetzt hatten. Es sind die gleichen Namen, die Jahre später auf den Spendenlisten der Hitler-Partei standen. Die Namen derjenigen, die Deutschland einer faschistischen Terrorherrschaft unterwarfen und die Völker erneut in einen Weltkrieg stürzten. Bei ihrem Treffen im Januar zeichneten die Herren eine 500-Millionen-Mark-Spende für eine Terrororganisation, die wahrhaftig eine würdige Vorläuferin der Nazi-Partei war.
Sie nannte sich „<Anti-Bolschewistische Liga>“ Ihre Aufgabe bestand darin, durch ein Heer von Lockspitzeln blutige Provokationen gegen die Arbeiterklasse zu organisieren, eine hemmungslose Hetze gegen den Kommunismus zu entfalten und den planmäßigen Meuchelmord an den führenden Revolutionären vorzubereiten: <Schlagt ihre Führer tot! Tötet Liebknecht!>. So schrie es millionenfach von den Plakaten und Flugblättern der <Anti-Bolschewistischen Liga>. Das war die Stimme der Monopolherren, die um ihre Macht fürchteten. Sie wollten Blut sehen, das Blut der revolutionären Führer des Proletariats.
Aber um die revolutionäre Arbeiterschaft niederzuschlagen, bedurfte es mehr als einer <Anti-Bolschewistischen Liga>. Man musste alles aufbieten, was an bewaffneten Formationen der Konterrevolution zur Verfügung stand. Und so geschah es in den Januartagen. Berlin, das Zentrum der Revolution, wurde regelrecht eingekreist. Reguläre Verbände der alten kaiserlichen Armee wurden in die Umgebung der Hauptstadt überführt. Zu ihnen gesellten sich die berüchtigten Freikorps. Das waren Mordbanden, in denen sich reaktionäre Offiziere zusammengerottet hatten, bereit, jede Bluttat für den Sieg der Konterrevolution zu begehen.
All dieses Gelichter wurde zu einer <Abteilung Lüttwitz> zusammengefasst. Aber wer sollte an seine Spitze treten, wer sollte es befehligen? Über diese Frage wurde am 6. Januar in der Reichregierung beraten. Naturgemäß fiel die erste Wahl auf die bewährten Schlächter des alten Regimes, die kaiserlichen Generäle. Aber dieser Gedanke wurde alsbald verworfen. Nicht ein General sollte an der Spitze des Feldzuges gegen die Berliner Arbeiterschaft treten, sondern – ein <Arbeiterführer>. Man fand ihn in Gustav Noske, Minister in der sozialdemokratischen Ebert/Scheidemann-Regierung. Er selbst hat in seiner Biographie die Worte überliefert, mit denen er diesen Auftrag annahm: <Meinetwegen! Einer muss der Bluthund werden, ich scheue die Verantwortung nicht!>
Und Noske wurde der Bluthund, der Schlächter des revolutionären Proletariats, der Oberbefehlshaber der Mörder von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Er brauchte nur noch den Anlass zum Losschlagen. Und auch der war schon sorgfältig geschaffen worden. Wenige Tage zuvor hatte die preußische Regierung eine gezielte Provokation gegen die Berliner Arbeiterschaft unternommen. Emil Eichhorn, Polizeipräsident der Stadt, war unter willkürlichen Anschuldigungen für abgesetzt erklärt worden. Eichhorn war der Bourgeoisie und ihren sozialdemokratischen Dienern ein Dorn im Auge, weil er sich mehrmals an der Aufdeckung konterrevolutionärer Verschwörungen beteiligt hatte, weil er einen großen Teil seiner Polizeitruppen (der Sicherheitswehr) aus organisierten Arbeitern zusammensetzte usw.
Die Monopolherren und ihre Minister in der Reichsregierung wussten sehr genau, dass die Berliner Arbeiterschaft die Absetzung Eichhorns nicht kampflos hinnehmen würde. Aber ihnen ging es um die gezielte Provokation. Sie wollten die revolutionären Arbeiter zu einen Kampf herauslocken, auf den diese nicht genügend vorbereitet waren. Am 5. Januar demonstrieren Hunderttausende von Arbeitern, zum Teil in Waffen, durch die Straßen der Hauptstadt, um gegen die Absetzung Eichhorns zu protestieren. Einige bewaffnete Trupps stürmen spontan das Gebäude des sozialdemokratischen Hetzblatts <Vorwärts> und besetzten es. Am Abend des gleichen Tages treffen die Führer der KPD, der Berliner USP und der revolutionären Betriebsobleute zu einer Konferenz zusammen. Unter dem Druck der Ereignisse wird der Kampf um den Sturz der Ebert/Scheidemann-Regierung beschlossen und ein Revolutionsausschuss gebildet.
In den folgenden Tagen entwickeln sich mit Macht die revolutionären Kämpfe der Arbeitermassen. Neben dem <Vorwärts> werden auch andere bürgerliche Zeitungen besetzt, bewaffnete Posten ziehen in den Straßen auf. Die Proletarier drängen auf die entschlossene revolutionäre Aktion. Aber sind die Bedingungen für den Sieg des Kampfes um die Macht gegeben? Die Zentrale der KPD schätzt die Lage so ein, dass der Zeitpunkt für den Aufstand verfrüht ist.
Die Positionen der Revolutionäre in den Arbeiter- und Soldatenräten, den im Verlauf der Novemberrevolution entstandenen Machtorganen, sind noch schwach. Ohne eine starke Stellung in den Räten aber kann es ihnen nicht gelingen, die noch schwankenden Teile des Proletariats in die revolutionären Kämpfe einzubeziehen. Zudem sind auch die Mobilisierung und der Zusammenschluss jener Truppenteile, die der Revolution ergeben sind, noch nicht weit genug vorangeschritten. Und vor allem: es fehlt die Kraft, die imstande wäre, dem Aufstand im ganzen Reichsgebiet eine klare und einheitliche Führung zu geben,. Die gerade erst gegründete KPD kann diese Aufgabe in den Januartagen noch nicht erfüllen. Und die anderen Kräfte, die sich im Berliner Revolutionsausschuss zusammengeschlossen haben, sind nicht in der Lage, diesen geschichtlichen Auftrag zu erfüllen.
Es zeigt sich vielmehr während der Januarkämpfe, dass diese Führer hinter der revolutionären Aktivität der Massen zurückbleiben, dass sie sich halbherzig verhalten und in Passivität versinken. In dieser kritischen Situation ist es die KPD, die aktiv und vorwärtstreibend an der Seite der kämpfenden Arbeiter steht. Die Bedingungen für den Sieg sind nicht gegeben. Aber kann das für die Partei heißen, dass sie sich aus den Kämpfen herauszieht und die revolutionären Proletarier ihrem Schicksal überlässt? Natürlich nicht. Alles, was in ihren Kräften steht, unternimmt die Partei, um die Widerstandskraft der Kämpfenden zu stärken, um die Führer im Revolutionsausschuss zu entschlossenem Handeln anzuspornen.
Zu dieser Zeit hat sich schon ein Heer von Spitzeln der <Anti-Bolschewistischen Liga>, von gedungenen Mordagenten der Regierung und der Generäle, an die Fersen Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs geheftet. Aber unerschütterlich stehen die Genossen auf ihrem Kampfposten, Karl Liebknecht als Agitator unter den bewaffneten Arbeitern, Rosa Luxemburg in der Redaktion der <ROTEN FAHNE>, die in der Friedrichstraße, mitten im Kampfgebiet liegt.
Am 8. Januar beginnt Noske die Offensive seiner konterrevolutionären Truppen. Die halbherzigen Führer im Revolutionsausschuss hatten zwar der Regierung, zu deren Sturz sie ja angetreten waren, Verhandlungen angeboten. Aber Noske will nicht verhandeln, er will das Blutbad unter den revolutionären Arbeitern Berlins. Ein gnadenloses Feuer aus Geschützen, Granat- und Minenwerfern geht auf ihre Stellungen im Zeitungsviertel und im Polizeipräsidium nieder. Heldenhaft, oft bis zur letzten Patrone, verteidigen sich die Arbeiter. Mehrere Angriffe der Noske-Truppen können zurückgeschlagen werden. Aber ihre Überlegenheit ist zu groß. Und dann zeigt sich in aller Abscheulichkeit die blutige Fratze der konterrevolutionären Bestie.
Die Unterhändler der revolutionären Arbeiter, die unbewaffnet, mit weißen Fahnen in der Hand, ihre Stellungen verlassen, um Verhandlungen mit den Angreifern aufzunehmen, werden ergriffen, in die Kasernen geschleppt und dort erschossen. Major von Stephanie, der die reaktionären Truppen gegen den besetzten <Vorwärts> führte, hat später eingestanden, dass er aus der Reichskanzlei des SPD-Führers Scheidemann den Befehl erhielt, alle 300 <Vorwärts>-Kämpfer unterschiedslos niederzumachen. Dieser Befehl konnte allerdings nicht ausgeführt werden. Wie hoch die Zahl der Opfer ist, die in diesen Tagen dem konterrevolutionären Terror zum Opfer fielen, ist bis heute nicht bekannt.
Jetzt begann auch die offene Hetzjagd auf die Führer des Proletariats. Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg mussten mit vielen anderen in die Illegalität gehen. Sie hielten sich bei Freunden im Berliner Stadtteil Wilmersdorf versteckt, als sie am 15. Januar von den Spitzeln entdeckt und von der reaktionären Bürgerwehr verhaftet wurden. Man zerrte sie ins <Eden>-Hotel, wo der Hauptmann Pabst, die rechte Hand Noskes und Kommandant der Garde-Kavallerie-Schützen-Division, residierte. Pabst gab den Befehl zur Ermordung der beiden Genossen. Karl Liebknecht wurde vor dem <Eden>-Hotel mit Kolbenhieben niedergeschlagen und in ein Auto geworfen. Die Mörder fuhren in den Tiergarten, wo sie den Schwerverletzten aus dem Wagen zerrten und kaltblütig niederschossen. Nur wenig später wurde auch Rosa Luxemburg von den Noske-Bestien mit Kolbenschlägen niedergestreckt und in ein Auto geschleift. Kurz nach der Abfahrt richtete der Leutnant Vogel die Mordwaffe gegen sie und tötete sie durch einen Kopfschuss. Ihre Leiche warfen die Mörder in den Landwehrkanal.
So starben durch die Hand der Schergen des Kapitals die unvergesslichen Führer der deutschen Arbeiterklasse. Und trotz des weißen Terrors der Noske-Truppen, der in Berlin tobte, gingen Hunderttausende Berliner Arbeiter auf die Straße, um ihnen und anderen Revolutionären das letzte Geleit zu geben. Im ganzen Reich antworteten die Arbeiter mit Streiks und Protestmärschen auf die feige Mordtat.
Bei einer Protestkundgebung am 19. Januar in Moskau sagte Lenin:
<Heute frohlocken in Berlin die Bourgeoisie und die Sozialverräter – es ist ihnen gelungen, Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg zu ermorden. Ebert und Scheidemann, die vier Jahre lang die Arbeiter um räuberischer Interessen willen zur Schlachtbank führten, haben jetzt die Rolle von Henkern proletarischer Führer übernommen. Am Beispiel der deutschen Revolution überzeugen wir uns, dass die Demokratie lediglich als Deckmantel für bürgerlichen Raub und brutalste Gewalt dient.>
Die deutsche Arbeiterklasse wurde in den Januarkämpfen geschlagen und ihrer Führer beraubt. Aus dem Blutbad der Noske-Truppen entstand die Weimarer <Demokratie>. Diejenigen, die damals frohlockten, die Monopolherren, sie üben auch heute noch die Macht über unser Land aus. Noch ist das Vermächtnis der Januarkämpfer nicht erfüllt. Ihr Kampf wird heute von uns fortgesetzt, der Kampf für ein sozialistisches Deutschland. (Roter Morgen, Nr. 3, 19. Januar 1979).
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Ernst Thälmann, der Führer der KPD, sprach zehn Jahre nach der Ermordung folgende mahnenden und wahren Worte:
„Nicht der revolutionäre Instinkt, nicht das unvergleichliche Heldentum der einzelnen Führer des Spartakusbundes, der hingemordeten Gründer unserer Partei, konnte den Bestand einer eisernen, im Feuer der revolutionären Erfahrungen zu Stahl gehärteten Avantgarde ersetzen. Karl und Rosa wurden gerade deshalb zu Opfern der barbarischen sozialdemokratischen Konterrevolution, zu Opfern der Noske, Ebert und Scheidemann und ihrer gekauften Meuchelmörder, weil sie noch nicht dem deutschen Proletariat die Waffe hatten schmieden können, die das russische Proletariat zum Siege befähigte: DIE BOLSCHEWISTISCHE PARTEI!“
Ernst Thälmann, Band II, Seite 13, Verlag Roter Morgen – Hamburg 1971